Ernährungssituation von Kleinkindern in Deutschland

Überblick

Zur Ermittlung des Ernährungszustands von Kleinkindern in Deutschland wurde eine Reihe von unabhängigen Studien durchgeführt. Diese Studien sind bekannt unter den Abkürzungen KiGGS, DONALD, VELS und GRETA. Dahinter stehen aufwendige Erhebungen an Säuglingen, Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen, die teilweise vom Robert-Koch-Institut in Berlin durchgeführt wurden, vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund sowie von der Universität Paderborn.

 

Diese Studien zeigen, dass Kleinkindern in ihrer Ernährung oft wichtige Nährstoffe fehlen. Eine suboptimale Versorgung insbesondere mit Vitamin D, Jod, Eisen und Folsäure ist feststellbar. Andererseits nehmen Kleinkinder deutlich zu viel Eiweiß, Salz und Zucker zu sich – beispielsweise überschreitet die Eiweißzufuhr die empfohlene Mindestmenge um das Zwei- bis Dreifache.

  • Ergebnisse der VELS-Studie

    In der Verzehrsstudie zur Ermittlung der Lebensmittelaufnahme von Säuglingen und Kleinkindern (VELS-Studie) ging die Universität Paderborn erstmals der Frage nach, ob Kleinkinder in Deutschland adäquat ernährt sind. In einer repräsentativen, bundesweiten, prospektiven Studie wurden zwischen Juni 2001 und September 2002 an neun Zentren insgesamt 816 Säuglinge und Kleinkinder im Alter von sechs Monaten bis fünf Jahre untersucht, von denen ein Kollektiv von 794 Probanden zur Auswertung kam. Die ernährungsphysiologische Auswertung erfolgte vom Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) in Dortmund.

     

    Die Auswertung zeigte zum einen, dass die Ernährung von Säuglingen im ersten Lebensjahr als gut bezeichnet werden kann. Mit zunehmendem Alter der Kinder gleicht sie sich aber der Ernährung Erwachsener an und zeigte folgende Schwachstellen:

    Zu wenig pflanzliche Lebensmittel in Form von Obst, Gemüse, Kartoffeln, Nudeln, Reis, Brot und anderen Getreideerzeugnissen. Dreijährige verzehren beispielsweise die gleichen Mengen an Obst und Gemüse wie Säuglinge im zweiten Lebenshalbjahr.

    Der Verzehr von Süßwaren beginnt im Säuglingsalter, steigt im zweiten Lebensjahr sprunghaft an und ist im Kleinkindalter dreimal so hoch wie die Menge an Zucker und Süßwaren, die „erlaubt“ ist. Dadurch wird der Verzehr von wünschenswerten Kohlenhydraten wie Getreideprodukten, Reis, Nudeln und Kartoffeln verdrängt.

    Im Kleinkindalter werden die empfohlenen Mengen für Fleisch, Wurst und Eier überschritten.

    Der tatsächliche Fischverzehr tendiert gegen null und ist weit von der Empfehlung einer wöchentlichen Fischmahlzeit entfernt.

    Das aufgenommene Fett weist ein ungünstiges Fettsäuremuster auf. Durch die Vorliebe für fettreiche, tierische Lebensmittel werden zu viele gesättigte Fettsäuren und zu wenig mehrfach ungesättigte Fettsäuren verzehrt.

    Die empfohlene Menge an Milchprodukten werden von Kleinkindern im Mittel nicht erreicht.

    Kleinkinder trinken zu wenig: Der Getränkekonsum weicht bei Einjährigen um etwa 100ml, bei den Zwei- und Dreijährigen um etwa 150ml von der täglichen Empfehlung ab.

     

    Diese Ernährungsgewohnheiten wirkten sich auf die Nährstoffversorgung aus. Zu den kritischen Nährstoffen im Kleinkindalter zählen laut VELS-Studie Vitamin D und E, Folsäure, Eisen, Kalzium und Jod (s. Abb. 1).

     

     

    Nährstoffzufuhr von 1- bis 3-Jährigen im Vergleich zu den D-A-CH-Referenzwerten (nach Geschlecht), n = 487

     

     

    Nährstoffzufuhr von 1- bis 3-Jährigen im Vergleich zu den D-A-CH-Referenzwerten
    Abbildung 1: Nährstoffzufuhr von 1- bis 3-Jährigen im Vergleich zu den DGE-Referenzwerten. Quelle: Kersting & Clausen (2003). * entsprechend 35 En% (davon je 1/3 gesättigte, einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren); ** entsprechend mind. 50 En%; *** Retinol-Äquivalente; **** Werte aus DONALD-Studie (Kersting & Bergmann 2008); ***** Tocopherol-Äquivalente.

    Download der VELS-Studienergebnisse vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (Stand: Juli 2013)

  • Ergebnisse der GRETA-Studie

    In der German Representative Study of Toddler Alimentation (GRETA-Studie) 2008 wurde eine Stichprobe von Eltern mit 10 bis 36 Monate alten Kleinkindern gezogen. In dieser bundesweiten und repräsentativen Untersuchung unter der Federführung des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) wurden der Lebensmittelverzehr und die Nährstoffzufuhr von Kindern abhängig von Geschlecht und sozioökonomischer Schicht von 525 Haushalten ausgewertet. Es zeigte sich folgendes Bild (s. Abb. 2): 

     

    Im Vergleich zu den Empfehlungen trinken Kleinkinder im Mittel zu wenig.
    Die Zufuhr an pflanzlichen Lebensmitteln ist zu niedrig.

    Die Empfehlungen für den Verzehr tierischer Lebensmittel (mit Ausnahme von Fisch) und Süßigkeiten werden dagegen erreicht bzw. überschritten.

    Die Zufuhr an Fett und Kohlenhydraten liegt im empfohlenen Bereich. Die Qualität der Fette und Kohlenhydrate ist hingegen verbesserungsfähig.

    Die Eiweißzufuhr übersteigt die empfohlene Zufuhr um das Zwei- bis Dreifache. Die Referenzwerte wurden für Vitamin D, Eisen, Jod und teilweise Folsäure nicht erreicht.

     

     

    Kritische Nährstoffversorgung im Kleinkindalter (Ergebnisse der GRETA-Studie)

     

    Kritische Nährstoffversorgung im Kleinkindalter
    Abbildung 2: Kritische Nährstoffversorgung im Kleinkindalter. Quelle: FKE 2010, GRETA-Studie.

    Download der GRETA-Studienergebnisse vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (Stand: Juli 2013)

  • Ergebnisse der KiGGS-Studie

    Mit dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS-Studie) 2003 – 2006 wurde erstmals repräsentativ der Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 17 Jahren in Deutschland erfasst. Die Ernährung als wichtiger Einflussfaktor für die Gesundheit war Bestandteil der umfangreichen Erhebungen. Mit dieser Studie liegen Ergebnisse zu folgenden Themen vor:

    Perinatale Programmierung

    Stillen

    Jodversorgung

    Lebensmittelverzehr

    Übergewicht und Adipositas

    Ernährungsverhalten von Kindern mit Migrationshintergrund

     

    An der KiGGS-Studie, die von 2003-2006 am Robert-Koch-Institut in Berlin durchgeführt wurde, nahmen 17.641 Kinder und Jugendliche aus 150 repräsentativen Städten und Gemeinden Deutschlands teil.

     

    Besonders detaillierte Ergebnisse liefert diese Studie zur Jodversorgung. In der KiGGS Studie wurde die Jodausscheidung (Jodurie) von 14.078 Kindern und Jugendlichen von 0 bis 17 Jahren untersucht. In der Altersgruppe der 0 bis Zweijährigen (1.307 Teilnehmer) lagen bis zu 49% der Kinder unterhalb der wünschenswerten Versorgung von 100µg/l, bei den Drei- bis Sechsjährigen (3.280 Teilnehmer) waren es bis zu 42% (s. Abb. 3).

     

     

    Unzureichende Jodversorgung von Kleinkindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS-Studie)

     

     

    Unzureichende Jodversorgung von Kleinkindern und Jugendlichen in Deutschland
    Abbildung 3: Anteil von Kindern je Altersgruppe, die einen Jodausscheidungswert unterhalb des WHO-Grenzwertes von 100µg/l aufweisen. Quelle: Robert-Koch-Institut, Berlin.

    Download der KiGGS-Studienergebnisse (Stand: Juli 2013)

  • Ergebnisse der DONALD-Studie

    Die Dortmund Nutritional and Anthropometric Longitudinally Designed Study (DONALD-Studie) ist eine beobachtende Langzeitstudie, in der Ernährung, Stoffwechsel, Wachstum und Entwicklung von gesunden Säuglingen, Kindern und Jugendlichen im Altersbereich von drei Monaten bis 18 Jahren untersucht werden. Ein Hauptziel der Studie ist die Beschreibung der Ernährungssituation im Quer- und Längsschnitt. Daneben werden komplexe Wechselwirkungen zwischen der Ernährung und Stoffwechsel- bzw. Wachstumsparametern untersucht.

     

    Seit 1985 werden jährlich etwa 35 bis 40 gesunde Säuglinge im Alter von drei bis vier Monaten aus dem Raum Dortmund neu in die Studie aufgenommen. Insgesamt haben (Stand Mai 2013) circa 1500 Probanden an der Studie teilgenommen.

     

    Die DONALD-Studie gibt unter anderem einen guten Einblick in die Verzehrsgewohnheiten von Kleinkindern im Alter von 18 bis 36 Monaten im Vergleich zu den Empfehlungen der optimierten Mischkost „optimiX“ des Forschungsinstituts für Kinderernährung (s. Abb. 4):

     

    Meist 100% der empfohlenen Menge an Milch wird erreicht.

    Weit mehr als 100% der Empfehlungen an Fleisch, Süßigkeiten und vor allem Obst/Obstsaft wird verzehrt.

    Nur zwischen 60 und 80% der empfohlenen Mengen an Beilagen wird gegessen.
    Meist weniger als 60% der empfohlenen Mengen wird an Getreide, Gemüse, Fetten und Getränken zu sich genommen.

    Mit zunehmendem Alter der Kinder wurden größere Abweichungen von den Referenzwerten festgestellt, z.B. mehr Fleisch und Süßigkeiten, aber weniger Getreide und Gemüse als empfohlen.

     

     

    Lebensmittelverzehr im Kleinkindalter (Ergebnisse der DONALD-Studie)

     

     

    Lebensmittelverzehr im Kleinkindalter
    Abbildung 4: Verzehr verschiedener Lebensmittelgruppen im Vergleich mit den Referenzwerten (=100%) der Optimierten Mischkost „optimiX“ (Forschungsinstitut für Kinderernährung). Quelle: Dissertation Dr. Annett Hilbig, 2005.


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